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Bericht vom World Summit der Organisationsentwickler am 22.-26.8.2010 in Budapest

Am 22.-26.8.2010 fand in Budapest der Weltkongress der OrganisationsentwicklerInnen mit dem Thema „Co-Creating a New World of Organizations & Communities“ statt. Hier ein kurzer, subjektiver Bericht von meinen Eindrücken.

Als ich das Programm erstmals las dachte ich mir: „Aha, die machen eine amerikanische Konferenz in Europa! Ganz bequem, dass man dafür nur nach Budapest fahren muss.“ So wie mein erster Eindruck war auch mein zweiter: Auf dem Podium als „Inspirational Leaders“ standen amerikanische VertreterInnen der verschiedenen, derzeit gängigen Großgruppen-Methoden und ausgewählter therapeutischer Richtungen, die im Organisationskontext Anwendung finden. Darunter befanden sich die VertreterInnen von Open Space, Future Search, Appreciative Inquiry, The World Café, und America Speaks (eine für mich neue Methode, die es erlaubt, mit um die 4.-5.000 gleichzeitig durch die Nutzung elektronischer Vernetzung zu Entscheidungen zu kommen), sowie Transactional Analysis und Gestalt.

Die Konferenz begann mit einer historischen Rückblende auf gesellschaftliche Entwicklungen und dem Versuch einer Verbindung mit der Entwicklung von OE von 1900 bis dato. Dies wurde in Form einer Ausstellung mit Artefakten, Videos, Bildern und Zitaten vermittelt. In die Gegenwart gekommen unternahmen die „Inspirational Leaders“ den Versuch einer Darstellung der Unterschiede zwischen den verschiedenen Richtungen. Auf die Frage: „Was sind die wichtigsten Beiträge Ihrer Richtung für die OE?“ und „Wann funktioniert Ihr Zugang nicht?“ gab es auszugsweise folgende Antworten:

Gestalt nannte als Beitrag die Erhöhung der Bewusstheit des Gesamtsystems und den Fokus auf die Kraft des Individuums. Nicht funktioniert’s, wenn man die Perspektive des anderen abwertet. Appreciative Inquiry sah als wichtigsten Beitrag die Abwendung von Defizitmodellen hin zu einem positiven, bestätigenden Zugang und als k.o.-Kriterium, wenn man an diesen nicht glaubt. Open Space reklamierte für sich die Nutzung des Prinzips der Selbstorganisation, die radikale Veränderung der Rolle der Moderatorin, und dass die Prinzipien Eigenverantwortung und Leidenschaft durch das „Gesetz der zwei Füße“ Ausdruck finden. Wenn’s keine Leidenschaft und nicht genug Diversität im Thema gibt, oder wenn es nur eine Show für den Auftraggeber ist, dann klappt OS nicht. „Amerika Speaks“ fand, dass ihr wichtigster Beitrag zur OE die Integration von IT und die Möglichkeit, auch unterrepräsentierte Gruppen adäquat in Entscheidungsprozesse einzubinden, ist. Nicht geht’s, wenn die Entscheider nicht teilnehmen oder alle einer Meinung sind.

Auch durch das persönliche Verhalten der RepräsentantInnen wurden einige Unterschiede zwischen den Richtungen für mich sichtbar. Eine sehr unkonventionelle Aufstellung der RepräsentantInnen am Podium (Matthias Varga hätte hier wohl einiges zu sagen gehabt!) ergab ein amüsantes „Ringelspiel“. Während sich die RepräsentantInnen von Gestalt und TA eher statisch und in Beziehung zueinander positionierten, gab es sehr viel Bewegung und Bezug aufeinander unter den anderen VertreterInnen. Ich fand die individuellen Reaktionen der Personen, die ihre Richtungen vertraten, besonders aufschlussreich: Während Diana Whitney (AI) und Peggy Holman (Open Space) völlig spontan und ungeniert vor 350 Personen auf der Bühne „herumtanzten“, fühlte sich Sandra Janoff (Future Search) in dieser unstrukturierten Situation sichtlich sehr unbehaglich. Meine Conclusio: Offensichtlich wird man bei AI und Open Space stärker darauf trainiert, intuitiv zu agieren. Wem Struktur Sicherheit gibt, der ist hingegen bei Future Search besser aufgehoben.

Schockierend für mich als lösungsorientierte OE-lerin war, dass die Lösungsorientierung weder am Podium vertreten war, noch als etwas, das ausgelassen wurde von den „Inspirational Leaders“ erwähnt wurde. Was umso frappierender für mich war, da ich bei fast allen RepräsentantInnen lösungsorientierte Ansätze heraushörte. Weiters ging mir natürlich die europäisch-deutsche Schule der Systemiker ab, die ebenfalls nicht referenziert wurden.

Seitens der BeraterInnen, die in den Parallel-Sessionen zu Wort kamen, gab es – wie üblich bei derartigen Konferenzen – verschiedenste Fallbeispiele und Vorstellungen von (mehr oder weniger erprobten) Modellen und Konzepten. Es gab wenig theoretische oder wissenschaftliche Beiträge, dafür aber viel Innovatives zu „non-conventional organisations“ und zu „social impact“-Projekten. In Bezug auf die Interventionsebene wurde OE recht weit interpretiert; der Schwerpunkt der innerorganisationalen Praxis-Darstellungen lag aus meiner Sicht auf der Teamebene.

Interessant und erfreulich für mich war, dass erstmals die lösungsorientierte Community sowohl mit einem Stand des neu gegründeten Verbandes SFCT , als auch mit Beiträgen aus UK (Mark McKergow), Deutschland (Peter Röhrig und Kirsten Dierolf) und Japan (Yasuteru Aoki) auf dieser OE-Plattform erfolgreich auf sich aufmerksam machten. Höchste Zeit!

Die IODA  – in Österreich kaum bekannt und mit nur wenigen Mitgliedern vertreten, auf den Kontinenten Afrika, Asien und (Latein-)Amerika aber mit guten Zuspruch gesegnet – war eine der unterstützenden Gesellschaften und feierte dort ihren 25. Geburtstag. Sie sorgte dafür, dass ein geschätztes Drittel der TeilnehmerInnen aus Afrika und Asien kamen. In Österreich ist dieser wichtige Verband der OE-lerInnen kaum bekannt – ein weiteres Indiz für mich, dass man sich hierorts vor allem am deutschsprachigen Raum orientiert. Interessant ist an der weltweiten OE-Szene der starke Fokus auf Community-Arbeit und damit verbunden die Erfahrungen mit Komplexität die entsteht, wenn verschiedenste gesellschaftliche Anspruchsgruppen in den OE-Prozess eingebunden werden müssen.

Mein Konferenz-Highlight war der Beitrag von Diana Whitney zum Thema „Appreciative Leadership“. Dazu gibt es auch ein neues Buch. Sie stellte sich in den Strom der „positiven Revolution“ und stellte die Verbindung zwischen dem AI-Modell, das auf Organisationsebene wirksam ist, zum Individuum über die Fähigkeit der „appreciative intelligence“ her. Ich finde ihr Ansatz geht dadurch über die übliche Auflistung von notwendigen persönlichen Führungskompetenzen hinaus, indem die fünf Kompetenzen, die sie beschreibt, weitgehend in Bezug auf die Fähigkeit zur positiven Organisationsentwicklung formuliert sind.

Außerdem beeindruckte mich ein Beitrag aus Singapur von Noel Tan über die erfolgreiche Reform des dortigen Gefängnissystems mit Hilfe von AI aufgrund der sensationellen Erfolgsquote und der Offenheit der Auftraggeber zutiefst.

Wie schon gesagt erfreuten sich Konzepte und Modelle, vor allem amerikanischer Provenienz, großer Beliebtheit bei der Vortragsauswahl durch die Veranstalter. Weniger gefiel dies anscheinend den KundInnen, die teilweise auch bei der Konferenz anwesend waren. In einer Nachmittagssequenz mit Fallstudien konnten sich KundInnen (gratis) vom anwesenden BeraterInnen-Kollegium Tipps geben lassen. Aus diesen Gruppenpräsentationen wurden dann die besten ausgewählt und dem Plenum präsentiert. Für unseren Kunden ausschlaggebend für die Wahl seines Beratungsangebotes war nicht die möglichst lange Liste an möglichen beraterischen Produkten. Er wählte jenes Angebot, das produktneutral und am meisten aus Kundenperspektive gedacht war, und ihm die breiteste Palette an Interventionsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen anbot. Schlussendlich gab er sogar zu, dass die ansprechende Visualisierung (wir malten mit Hilfe professioneller Hilfe ein buntes Metaplan-Plakat) für ihn ausschlaggebend war. Er beklagte im Zuge der Argumentation seiner Auswahl, dass allzu viele BeraterInnen immer „mit demselben Hammer auf seinen Schreibtisch hauen würden“. Eine Aussage, die dann wieder den BeraterInnen nicht so gut gefiel!